Wort zum Sonntag

Predigt zum 17. Sonntag

Sehr viel Elend, sehr viel Hunger auf dieser Welt kommt nämlich nicht nur von der ungerechten Verteilung der Güter, sondern es kommt von verbrecherischen Diktatoren, die über Leichen gehen…

Es ist schon lange her… da bin ich einer 80-jährigen Frau begegnet… es war in der Ukraine. Sie war eine Deutsche, Katja hieß sie, und stammte aus einer der vielen deutschen Siedlungen im Schwarzmeer-Gebiet, die vor gut 200 Jahren durch die Zarin Katharina die Zweite gegründet worden waren. In den 30-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts verknappte Stalin die Lebensmittel, um die Landbevölkerung durch eine Hungersnot gefügig zu machen.

In der sog. „Kornkammer Europas“ mussten Millionen Ukrainer verhungern.

Ihr Schicksal ist in Deutschland weitgehend unbekannt.

Katja, die alte Deutsche, erzählte mir kurz vor ihrem Tod ihr Schicksal:

Sie hatte in ihrer jungen Ehe drei Kinder… nach der Geburt des dritten Kindes wurde ihr Mann einer Nacht von der Tscheka (Stalins berüchtigter Geheimpolizei) abgeholt… er kam nicht mehr zurück. Dann kam die Hungersnot. Nacheinander verhungerten ihre drei Kinder. Als das letzte ihrer Kinder in ihren Armen starb, da wollte auch sie sterben.

Es war der Glaube an Gott, der sie weiter leben ließ… Sie sagte mir damals:

„Gott hat für mich gesorgt… bald werde ich wieder bei meinem Mann  und bei meinen Kindern sein…“ Nie habe ich größeres Elend von Angesicht zu Angesicht gehört.

An diese Begegnung musste ich denken, heute, bei dieser johannäischen Broterzählung, in der es ja letztlich um unseren Hunger geht… klar: hier – in der eucharistischen Brotrede des Johannes – steht der unendliche Sinn-Hunger der menschlichen Seele zur Debatte und nicht bloss der leibliche Hunger, der in Vergangenheit und Gegenwart immer noch Menschen in die Verzweiflung und in den Tod treibt.

Wir dürfen nicht Gott dafür zur Rechenschaft ziehen, dass es den Hunger und den Hungertod bis heute gibt… Mann sagt, dass diese Zahl ist wegen Corona Kriese bis 200 Millionen gestiegen.                                                      

Wir mögen uns noch so sehr anstrengen, dieses Elendskapitel endlich abzuschliessen… es wird leider  immer wieder durch Menschen verschuldetes Leid und Sterben geben.

Was sonst verkündet uns der Vierte Evangelist mit der Brotgeschichte!

Jesus hat keinen Hokuspokus gemacht und dann war plötzlich der Tisch gedeckt!…

Nein: er sprach das Dankgebet… er hielt die Brote Gott hin, auf dass er den Hunger der Menschen stille…Und was hat sich verändert? Was hat sich verwandelt? Was ist das Wunder?

Die Herzen der Menschen werden durch das eucharistische Brot verändert – das ist das Wunder! Wo Menschen sich die göttliche Speise, das Brot des Lebens reichen lassen, da reicht es plötzlich für alle… aber nicht weil es plötzlich mehr zu verteilen gäbe, sondern weil sich das Denken verändert hat.

Wir müssen von dem Brot essen, “das vom Himmel herabgekommen ist”, um hier auf der Erde die Kraft zu haben, als Christen unseren Beitrag zu mehr Gerechtigkeit und Solidarität zu leisten.

Manchmal muss Gott ganz einfach etwas in unseren Herzen verändern.

Darum bete ich heute: um das tägliche Brot für alle, dass keine Mutter mehr um ihre verhungerten Kinder trauern muss.

Doch ich bete auch um die neuen Herzen, die wir brauchen, damit wir den Herausforderungen der Gegenwart – in Staat und Kirche – wirklich gewachsen sind. Amen.