Wort zum Sonntag, Ausgabe 32

25. Oktober 2020  –  30. Sonntag im Jahreskreis                Matthäus 22, 34 – 40

Jeden Tag eine gute Tat, so lautet das alte Pfadfindermotto. Das klassische Beispiel dafür ist das Hinüberbringen einer Oma über die Straße. Dahinter steckt der sehr gute pädagogische Gedanke, dass es bei unseren Taten um Kontinuität gehen soll. Also, nicht nur einmal eine gute Tat vollbringen, sondern täglich. Dadurch wird die Sache mit der guten Tat zu einer Haltung. Derjenige, der sie sich vornimmt, wird täglich danach Ausschau halten und dadurch vermutlich langfristig ein besserer Mensch.

Ich bin für drei gute Taten am Tag. Jetzt denken Sie vielleicht, man, der haut auf die Pauke, der hat hohe moralische Ansprüche an sich und an andere.

Ich habe aber nicht von drei guten Taten für andere, von Taten der Nächstenliebe gesprochen. Im Blick auf das Evangelium wird deutlich, dass es ja noch die Gottesliebe und die Selbstliebe gibt. Es geht also darum, in drei verschiedenen Bereichen zu lieben.

Die Gottesliebe hat in der Tradition nicht zu sehr etwas mit Taten zu tun, sondern mit dem Einhalten von Gottes Ideen und Gedanken. Es geht darum, mit dem Herzen, mit meiner Seele und mit meinen Gedanken bei Gott zu sein. Genau so formuliert es das Evangelium und zitiert dabei fast wörtlich das wichtigste jüdische Glaubensbekenntnis, das sch‘ma Israel aus dem alttestamentlichen Buch Deuteronomium: „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst Du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Im Gottesdienst, haben Sie die perfekte Möglichkeit zur Gottesliebe. Sie können über Gott nachdenken, sie können zu ihm beten, Sie können vor ihm schweigen. Selbstverständlich gibt es noch mehr Möglichkeiten. Sie können beim Warten vor jeder roten Ampel ein Stoßgebet sprechen. Sie können beim Hören eines Martinshornes mit Gott in Verbindung treten und ihn bitten, dass Menschen nicht dauerhaft zu Schaden kommen und wieder gesund werden. Sie können sich überlegen, was würde Jesus jetzt an meiner Stelle tun, wie würde er sich verhalten, wenn er heute und hier an meiner Stelle wäre. Gottesliebe drückt sich manchmal auch im Unterlassen aus, indem ich etwas nicht tue, weil es bestimmt nicht im Sinne Gottes wäre.

Die Nächstenliebe hat in der Tradition deutlich etwas mit Taten zu tun. Sie ist nichts Theoretisches. In der Geschichte vom barmherzigen Samariter fragt Jesus zum Schluss: “Wer ist dem, der unter die Räuber gefallen ist, zum Nächsten geworden.“ Nächster ist man nicht, weil man einer Gruppe angehört. Nächster wird man, weil man etwas tut. In der Geschichte des Christentums gibt es unendlich viele Beispiele für diesen Bereich der Liebe. Krankenhäuser, Hospiz, Nothilfe, Beratung, Kollekten, Essen, Kleidung für Arme und vieles vieles mehr. Hier hat das Christentum bisher Großartiges vollbracht, mehr ist immer noch möglich.

Die Selbstliebe wurde in der Tradition eher skeptisch betrachtet. Einige hörten dabei immer das Wort Selbstbezogenheit und waren sich sicher, dadurch wird die Nächstenliebe gemindert und den anderen geht etwas verloren. Ich glaube das nicht, zumal es hier nicht um Selbstbezogenheit, sondern um gesunde Selbstliebe geht. Sie ist sogar der Maßstab für die Nächstenliebe. Wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht lieben. Wer sich nicht selbst gut ist, der wird bei seinem sozialen Einsatz erfahrungsgemäß oft grenzenlos und leicht kränkbar. Zu bekannt sind inzwischen die Helfer, die andere brauchen und in Abhängigkeit halten, weil sie eigentlich mit sich selbst nichts anfangen können. Heute ist ein Tag für die Selbstliebe. Lassen Sie sich etwas einfallen. Seien Sie gut zu sich.

Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe hängen zusammen. Vor vielen, vielen Jahren erzählte mir eine Frau in einer weit entfernten Stadt, dass sie täglich 4 Stunden betet, sich aber mit niemandem versteht. Ich habe ihr gesagt, dass sie nur noch 1,5 Stunden beten und die restlichen 2,5 in einem sozialen Ehrenamt arbeiten könne. Sie war verwundert. Aber beten soll mich nicht isolieren, sondern gemeinschaftsfähiger und sozialer machen, sonst stimmt etwas nicht.

Auf der anderen Seite ist es für uns als Christen unerlässlich, dass wir Gottesdienste feiern und uns am Sonntag versammeln. Das ist deshalb so wichtig, weil wir viel Soziales tun und damit nie an ein Ende kommen. Im Gottesdienst ist erfahrbar, warum wir all dies tun und vor allem, für wen. Der Gottesdienst ist eine Kraftquelle, die unser Tun erdet.

Ein weiterer Aspekt ist der Zusammenhang zwischen Gottes- und Selbstliebe bzw. Selbsterkenntnis. Wer sich mit Gott beschäftigt, lernt auch etwas über sich selbst. Wer Gott erkennt, der erkennt auch sich selbst. Das ist ein wichtiges Grundgesetz der christlichen Spiritualität. Das hat etwas damit zu tun, dass wir alle Abbilder Gottes sind. Selbsterfahrung ist deshalb einer der wichtigsten Wege zur Gotteserkenntnis. Wer nichts von sich weiß, wer sich nicht ehrlich auf die Spur kommt, hat definitiv auch nichts von Gott kapiert.

Also, drei gute Taten für heute. Eine aus dem Bereich der Gottesliebe. Eine aus dem Bereich der Nächstenliebe. Eine aus dem Bereich der Selbstliebe. So kommen Sie Jesus auf die Spur, der diesen Dreischritt für das Wichtigste hält, was von Gott überliefert ist.                                                                                                                                Thomas Hoffmann

Tages-Evangelium:

In jener Zeit,
als die Pharisäer hörten,
dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte,
kamen sie am selben Ort zusammen.
Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer,
wollte ihn versuchen
und fragte ihn: Meister,
welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
Er antwortete ihm:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele
und mit deinem ganzen Denken.
Das ist das wichtigste und erste Gebot.
Ebenso wichtig ist das zweite:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
An diesen beiden Geboten
hängt das ganze Gesetz und die Propheten.