Wort zum Sonntag, Ausgabe 29

Wort zum Sonntag 29                                                                                                           4. Oktober 2020  –  Erntedank

Kommen Tiere in den Himmel? In den letzten Jahren wird diese Frage offen diskutiert und einige namhafte Theologen beantworten sie mit einem eindeutigen und klaren Ja.

Viele Menschen lieben Tiere. Als Haustiere bereiten sie ihnen Freude und teilen den Alltag mit ihren Besitzern. Sie bereichern das Leben, spenden Trost in schwierigen Situationen und sind treue Gefährten in einsamen Stunden. Sie strukturieren den Tag von Frauchen und Herrchen und sind nie launisch. Sie leben im Moment, kennen keine Gewissensbisse und haben keine Zukunftsplanung. „Beneidenswert“ rutscht da manchem Zeitgenossen heraus, der einen anstrengenden Alltag hat und beruflich sehr gefordert ist.

Viele Menschen sorgen sich um die Tiere, die wir Nutztiere nennen. Oft zusammengepfercht auf engstem Raum vegetieren sie dahin, ohne jemals die Sonne zu sehen, im Sand zu scharren, über eine Wiese zu rennen oder ein halbwegs normales Federkleid zu entwickeln. Massentierhaltung ist eine Idee des Menschen, um den Profit zu erhöhen und unsere veränderten Essbedürfnisse zu befriedigen. Ich glaube nicht, dass sie mit der Schöpfungsordnung vereinbar ist. So hat sich Gott das Leben seiner Tiere nicht vorgestellt.

Tierschutz wird in der Bibel nicht erwähnt. Allerdings wird schon auf der ersten Seite der Bibel erzählt, dass Gott die Welt und alles erschuf, die Tiere sogar vor den Menschen. Diese Schöpfung wird mehrmals gut genannt. Gott selber freut sich über sein Werk. Später rettet Noah mit seiner Arche viele Tierarten. In den Psalmen werden sie mit schönen Worten erwähnt und Gott spricht: „Denn mir gehört alles Wild des Waldes, das Vieh auf den Bergen zu Tausenden. Ich kenne alle Vögel der Berge, was sich regt auf dem Feld, ist mein Eigen.“ (Psalm 50,10+11) In der himmlischen Friedensvision des Propheten Jesaja (Jes 11,6-8) sind sie Teil einer ganz neuen, friedlichen Welt. Jesus lebt in seiner 40-tägigen Wüstenzeit bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm (Mk 1,13), ein Hinweis auf das verlorene Paradies, die Harmonie und den Einklang zwischen Tier und Mensch, wie es von Gott her eigentlich gedacht ist. Ein Esel ist es dann, der Jesus bei dem Einzug in seine Stadt Jerusalem hilft. Noch viele weitere Beispiele ließen sich anführen.

Heute feiern wir das Erntedankfest. Wir feiern aber auch den Welttierschutztag. Letzterer wird nicht zufällig am 4. Oktober begangen, denn dieser Tag ist der Gedenktag des Hl. Franziskus. Franziskus lebte im 12. Jahrhundert in Italien. Von ihm wird berichtet, dass er eine große Liebe zur Schöpfung hatte und ein inniges Verhältnis zu den Tieren gelebt hat. Er hat den Vögeln gepredigt, den berühmten Wolf von Gubio gezähmt und zwischen ihm und den Menschen einen Zukunftspakt für ein gutes Miteinander ausgehandelt. Tiere haben seine Nähe gesucht und sich um ihn gedrängelt. Er hat sie dann gesegnet. Daran wird deutlich, dass Franziskus in seinem Leben bereits so etwas wie Vollkommenheit erreicht hat. Die Spannungen in der Schöpfung, das Fressen und Gefressenwerden sowie die gegenseitige Angst konnte er durch Sympathie, Sanftmut und Güte verwandeln in ein achtungsvolles Miteinander. Zudem hatte Franziskus die wunderbare Gabe, in der ganzen Schöpfung Gott zu erahnen. Er hat Tiere und Pflanzen angeschaut und in ihnen die Weisheit des Schöpfers gesehen.

In seiner Fähigkeit, die Schöpfung mit besonderen Augen und in ihr Gott am Werk zu sehen, ist Franziskus uns weit voraus. Aber wir holen auf und dies hat Auswirkungen auf unseren Lebensstil. Viele Menschen essen heute weniger Fleisch als noch vor 10 Jahren. Insektenfreundliche Blumen werden gepflanzt, Fahrräder vermehrt genutzt, Flugzeuge gemieden und vieles mehr. Die Fridays-for-Future-Bewegung zeigt eindrucksvoll, dass viele junge Menschen die rücksichtslose Ausbeutermentalität der Industriestaaten zutiefst ablehnen – ein starkes, großes und wichtiges Zeichen der Hoffnung.

Kommen Tiere nun in den Himmel? Bisher ist deutlich geworden, dass sie als Gottes Geschöpfe bei ihm hoch angesehen sind. Im Römerbrief (8,21f) sagt Paulus, dass die gesamte Schöpfung seufzt und in Geburtswehen liegt, er aber davon überzeugt ist, dass die ganze Schöpfung zur Herrlichkeit und Freiheit der Kinder Gottes berufen ist. Die ganze Schöpfung, also auch die Tiere. Die alte Lehre, dass nur vernunftbegabte Wesen in den Himmel kommen, passt nicht zum biblischen Befund. Da Tiere nicht in bewusster Entscheidung Fehler machen oder gar sündigen, da sind nur wir Menschen Experten, haben sie sich auch nicht vor Gott zu rechtfertigen. Gottes Schöpferwillen, der vor unserer Zeit da war und nach unserem Leben noch sein wird und seine Treue zu uns Geschöpfen legen nahe, dass alle Geschöpfe, auch die Tiere, bei Gott Heimat finden und vollendet werden. Dafür gebrauchen wir das Wort „Himmel“

Ein schönes Beispiel bietet uns die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus an. Der Papst schildert am Ende der Zeit eine Art Wallfahrt der Menschen gemeinsam mit den Tieren zum Himmel. Es heißt dort, dass “jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung” seinen Platz im Himmel einnehmen wird und wir uns gegenseitig mit unseren Gaben beschenken werden. Das wird schön werden!                                                                                                Thomas Hoffmann