Wort zum Sonntag, Ausgabe 26

Wort zum Sonntag 26                                                                                            13. September  2020  –  24. Sonntag im Jahreskreis

Ich möchte Ihnen heute von meiner Haupterinnerung an meinen alten Pfarrer berichten. Er ist vor ungefähr 40 Jahren verstorben. Ich verehre ihn sehr. In Erinnerung geblieben sind mir allerdings keine Predigten, keine großen Worte und keine Programme. Und natürlich, dieser Pfarrer hat auch Fehler gemacht, er hatte Grenzen, Ecken und Kanten.

Lebendig in mir ist seine herausragende Eigenschaft – er war nicht nachtragend, er konnte verzeihen.

Meine Freunde und ich, wir waren damals so zwischen 14 und 17 Jahre alt, haben wirklich viel Unsinn bei der Kirche gemacht. Wir waren alle Messdiener und so kam es tatsächlich schon einmal vor, dass der Schlimmste von uns dem Kaplan statt Wein Rum in den Kelch geschüttet hat. Einmal haben wir uns in der Kirche einschließen lassen, um sie zu erkunden, um unzugängliche Räume zu sehen, um im Hohldach der Kirche herum zu laufen und auf das Kirchendach zu steigen. Als wir durch ein Fenster hinaus wollten ist dieses zerbrochen und gerade in diesem Moment wurde die Kirche aufgeschlossen. Wir haben uns im Beichtstuhl versteckt, wurden aber erwischt. Strafe war, die Scheibe zu erneuern. Und noch einige Dinge mehr sind passiert. Nicht, dass mein Pfarrer gleichgültig gewesen wäre oder uninteressiert. Nein, er konnte richtig brüllen, ganz laut und ganz durchdringlich. Er hat uns Ministranten auch schon einmal aus dem Gottesdienst geworfen, wenn wir 15 Minuten ununterbrochen am Altar gelacht haben. Danach aber war wieder alles gut und er hat diesen Vorfall niemals wieder erwähnt.

Er war nie nachtragend. Er hat nie etwas aufgerechnet. Er hat uns nie ein schlechtes Gewissen gemacht und gesagt „das hätte ich von euch aber nicht erwartet“ oder „ich bin ja so enttäuscht von euch“. Nein, bei diesem Mann habe ich so etwas wie Verzeihung und Nachsicht erlebt. Immer gab es einen Neuanfang, ohne dass Vergangenes weiterhin wie ein Klotz am Bein hing. Ich verehre diesen Mann, weil er meinen Freunden und mir gegenüber niemals das  furchtbare Wort „unverzeihlich“ gebraucht hat und uns nie rauswarf, obwohl es genug Gelegenheit dazu gab.

Vielleicht kennen Sie auch so einen Menschen, der ihnen gegenüber nachsichtig und verzeihend gewesen ist. Jemand, der sich nicht persönlich angegriffen fühlt, wenn Sie ein Fehler machen. Jemand, der nicht nur die aktuelle Situation bewertet, sondern weiter blicken kann und in ihnen Gutes und Wertvolles sieht, was viel wichtiger ist als irgendein Fehlverhalten, über das man nach wenigen Monaten einfach nur noch lächeln kann. Die Welt lebt von solchen Menschen, die nachsichtig sind und die verzeihen können. Sie schaffen ein Klima, in dem es möglich ist, sich positiv zu entwickeln. So jedenfalls war es bei meinem alten Pfarrer.

Nun gibt es leider vertrackte Situationen, die sich über viele Jahre aufgeschaukelt haben und von denen oft niemand mehr weiß, wie sie entstanden sind. Bei Familienstreitigkeiten ist das oft so, bei Geschwisterrivalitäten, in manchen Gremien und Vereinen, sogar zwischen Völkern und Nationen. Da geht es natürlich um deutlich mehr als um eine nicht so schwerwiegende Begebenheit aus meiner Jugendzeit. Wie ist hier Veränderung möglich? Wie geschieht hier Verzeihung? Kann ich Verzeihung lernen?

Ganz sicher wünschen sich viele Menschen, dass sie von anderen Verzeihung erfahren. Ganz sicher ist auch, dass eine verfahrene Situation, die sich durch Verzeihung zum Guten wendet, von allen als Erlösung empfunden wird. Die Sehnsucht nach Verzeihung, also der erste Schritt, und die Freude über das Endergebnis einer Verzeihung, also der letzte Schritt, sind klar, eindeutig und beschreibbar. Die Zwischenschritte aber sind das große Problem. Dabei geht es nicht darum, Verzeihung als reine Kopfarbeit oder menschliche Anstrengung zu betrachten. Verzeihung kann ich nicht mit dem Willen machen, ich kann sie mir nicht einreden oder vornehmen, ich kann sie mir auch nicht abzwingen. Verzeihen zu können ist ein großes Geschenk und oft braucht es Jahre, bis es für schwierige Beziehungssituationen einen Durchbruch der Vergebung gibt. Unsere seelischen Verletzungen heilen ganz langsam.

Die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach schlägt einen Weg vor, der sich einfach anhört, der aber schwer zu verwirklichen ist. „Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler!“ Und im Evangelium empfiehlt Jesus 70 mal siebenmal zu verzeihen. Im Gleichnis von dem, der 10.000 Talente schuldig ist aber nur 100 Denare von einem anderen bekommen muss, ist das Verhältnis noch viel krasser und extremer. Möglicherweise sind 10.000 Talente so viel wie 60 Millionen Denare. Und ein Denar ist der Tageslohn eines Arbeiters.

Wir sind alle von Gott Beschenkte! Bei Gott sind wir alle reich! Das ist die Grundaussage der heutigen Texte und einmal verzeihen zu können ist dann so viel, wie einen äußerst kleinen Anteil davon zurückzugeben, um dadurch das zu ermöglichen, was Gott sich für unsere Welt und unser Leben vorstellt. Er stellt sich vor: Ein Zusammenleben der Menschen in Frieden und in Freiheit, bei dem Streitigkeiten vorkommen, aber auch zum Wohle aller gut gelöst werden, damit wir daran wachsen und immer wieder spüren, was wirklich zählt im Leben.

Wenn Sie mögen, bitten Sie Gott um ein Geschenk. Bitten Sie ihn darum, dass er ihnen, bezogen auf eine ganz konkrete persönliche Situation, die Fähigkeit schenkt, verzeihen zu können.                                                           Thomas Hoffmann