Wort zum Sonntag, Ausgabe 25

                                                                                          6. September  2020  –  23. Sonntag im Jahreskreis

Wie und wann sag ich`s meinem Freund, meinem Kollegen, meiner Schwester, meinem Sportkameraden?

Wie und wann sag ich, dass er zu viel trinkt, nur noch launisch durch die Gegend läuft oder es sich gerade mit allen verscherzt? Wie sage ich`s ihr, dass sie eine falsche Entscheidung getroffen hat, sich finanziell ruiniert oder aktuell alle Freundinnen verliert?

Es ist nicht einfach, den richtigen Zeitpunkt, den richtigen Ton und die richtigen Worte zu finden. Wie und wann sag ich`s?

Diese Frage stellt auch das heutige Evangelium. Wie gewinne ich meinen Mitmenschen zurück, der mir gegenüber Mist oder einen Fehler gemacht hat, der von der Rolle ist, der danebenliegt. In kirchlicher Sprache: Er hat gesündigt. Sein Verhalten hat Auswirkungen auf die Gemeinschaft und das wurde zunächst von einem Menschen bemerkt. Das Evangelium empfiehlt diesem Menschen: Geh hin, setz dich in Bewegung, werde aktiv, besuche ihn und weise ihn unter vier Augen zurecht. Also nicht: Besprich das Fehlverhalten zuerst mit all deinen Freunden und Nachbarn, so dass es mit Sicherheit ganz schnell 100 Menschen wissen.  Es geht hier um Diskretion. Ziel der Aktion ist es, einen Menschen zurück zu gewinnen. Und um einen Menschen zu gewinnen, soll ich Fehlverhalten nicht zudecken und nicht schweigen. Das wäre, wie ihn vorzeitig aufzugeben. In biblischer Sicht ist das Schweigen in so einer Situation sogar ein Verstoß gegen die Nächstenliebe.

In der 2. Stufe kommen noch Gesprächszeugen hinzu. Sie haben vermutlich die Aufgabe, den Sünder zu warnen. Möglicherweise war es so, dass in der damaligen Rechtsprechung nur ein von Zeugen vorher Gewarnter auch rechtskräftig verurteilt werden konnte. Sie müssen sich das so vorstellen: Die damalige Rechtsprechung kam ja weitestgehend ohne Akten aus. Heute hat man bei jeder Rechtssache ja gleich ein paar dicke Aktenordner. Diese Ermahnung ist ein Ausdruck der Nächstenliebe. „Mir liegt was an Dir, ich möchte Dir helfen, Du bist wertvoll“, so lässt sie sich übersetzten. In ihr drückt sich auch so etwas wie Solidarität aus – wir Menschen gehören doch alle zusammen und wenn einer aus dem gemeinsamen Boot aussteigt, leiden alle mit.

Die 3. Stufe ist dann die Besprechung in der Gemeinde, wobei Matthäus eine kleine und überschaubare Gemeinschaft vor Augen hat. Danach kann ein Ausschluss folgen, von dem aber nicht gesagt wird, dass er endgültig ist.

Sünde wird hier als gemeinschaftsgefährdend dargestellt. Sie macht einsam, sie führt in die Isolation. Mit ihr entferne ich mich von anderen Menschen. Mit ihr verdunkele ich auch die geniale Schöpfung, die Gott sich mit mir ausgedacht hat. Ich führe Gott sozusagen hinters Licht.

Sünde ist aber auch eine extrem gute Möglichkeit, persönlich zu reifen. Sie bringt mir Erkenntnisse. Sie hilft mir, die Untiefen meines Lebens zu erkennen und bestenfalls gut damit umzugehen. Sie hilft beim Weiterkommen. Sie macht mich schlauer. Sie macht mich vollkommener. Sie vergrößert meine Persönlichkeit. Sünde ist eine enorme Wachstumschance. Der Mann im Evangelium, wenn er denn auf die anderen hört, wird sein Leben sicher bewusster gestalten und an menschlicher Tiefe deutlich hinzugewonnen haben. Und er weiß: Ich habe eine Gemeinschaft/Gemeinde, die mich auffängt.

Sünde ist auch die allerbeste Möglichkeit, etwas über Gott zu erfahren, der uns ja nicht nur wunderbar erschaffen und mit freiem Willen ausgestattet hat, sondern die Tür stets für uns offenhält. In den Bildern der Bibel ausgedrückt: Er sucht das eine verirrte Schaf und er freut sich göttlich, wenn er es findet. Und er ist ohne Ende barmherzig, wie viele Bibelstellen nahelegen. Auf die Spitze getrieben heißt das sogar: Wer perfekt ist und niemals gesündigt hat, kann unseren Gott definitiv niemals verstehen.

So ist das Evgl. von heute die Aufforderung: Gewinne Deinen Mitmenschen zurück, wenn er verlorengeht. Dafür sollst Du etwas riskieren. Dabei geht es nicht um dich, du bist dabei ausnahmsweise mal nicht wichtig. Es geht um den anderen.

Es ist auch der Hinweis: Hör gut zu, wenn Dir jemand etwas im Guten und aus Sorge um Dich sagen möchte und denke darüber nach.

Wie sag ich`s nun meinem Freund, meinem Kollegen, meiner Schwester, meinem Sportkameraden?

Zunächst wie es nicht geht, welche Wörter nicht auftauchen dürfen: „Mir ist zu Ohren gekommen; du hast dich stark zu deinem Nachteil verändert; du solltest; du musst; du darfst auf keinen Fall; wenn du nicht das tust, was ich dir vorschlage, sind wir getrennte Menschen; du hast dich nicht im Griff; du bist ein Schwächling; ich bin ja so enttäuscht von dir … Diese Liste mit gewalttätiger, anmaßender, übergriffiger, moralischer Redeweise ließe sich noch unendlich fortsetzen. Mit diesen Worten erreiche ich bei meinem Gegenüber nichts, provoziere Widerstände, setze ihn unter Druck; mache den anderen klein oder lasse nur meinen Dampf ab.

Wie es gehen könnte, allerdings ohne Erfolgsgarantie, insbesondere bei Suchterkrankungen, Schwerverliebten, Midlife-Crisern und anderen: „Wie sind jetzt schon so lange befreundet und in letzter Zeit mache ich mir Sorgen um dich; kann ich etwas für dich tun; du weißt, dass du immer auf mich zählen kannst; es fällt mir schwer, dir eine Beobachtung mitzuteilen, aber weil du mein Freund bist und mir etwas an dir liegt, wage ich es trotzdem. Du kannst das natürlich ganz anders sehen als ich…

Und natürlich ist der Ort und der Zeitpunkt für so eine Aussprache ganz wichtig und will gut überlegt und abgesprochen sein.

Alles zusammengefasst: Das Evangelium und was wir daraus ableiten können führt uns zu uns selber und zu den anderen. Es führt uns aus der Isolation in die Gemeinschaft mit anderen Menschen und mit Jesus, denn er ist ja da, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Es führt uns zu dem, wie wir von Gott her eigentlich gedacht sind. Es legt uns nahe, Licht der Welt zu sein und das geschehen zu lassen, wozu uns Gott geschaffen hat, zu leuchten und diese Welt heller zu machen.