Wort zum Sonntag, Ausgabe 24

Wort zum Sonntag 24                                                                                            30. August  2020  –  22. Sonntag im Jahreskreis

Ist Ihr Kreuz groß oder klein, dick oder dünn, schwer oder leicht, gut zu transportieren oder eher sperrig? Mit diesem Einleitungssatz möchte ich Ihnen sagen: Es gibt so viele Kreuze in der Welt, wie es Menschen gibt. Alle Kreuze sind unterschiedlich. Sie können sich auch im Laufe des Lebens verändern. Fast jeder hat ein Kreuz, sein eigenes persönliches Kreuz.  Manchmal wird es mit den Jahren schwerer, manchmal leichter. Manchmal ist es nur in der ersten Lebenshälfte da, manchmal kommt es erst im Alter, selten auch gar nicht.

Kreuz tragen – dieser Gedanke findet sich zuerst in den Evangelien. Er taucht immer im Zusammenhang mit Jesus auf. Jesu Kreuz ist ja weltberühmt und zum Erkennungszeichen der Christen geworden.  Jesus fordert seine Jünger*innen im heutigen Evangelium auf, ihr Kreuz zu tragen und ihm nachzufolgen. Übersetzt heißt das: Es geht darum, Jesus zu verstehen und sich an ihm zu orientieren. Das Kreuz führt zu Jesus, es erklärt Jesus, es steht für Jesus. Es bietet eine Perspektive, die ich erhalte, wenn ich mich hinter ihn stelle. Diese Perspektive verspricht nicht immer ein leichtes, aber ganz sicher ein erfülltes Leben.

„Du musst dein Kreuz tragen“ ist zu einem geflügelten Wort in unserer Umgangssprache geworden. Heutige Kreuze können sein: körperliche und psychische Krankheiten, Schmerzen, zerbrochene Beziehungen, unerfüllte Lebensträume, Armut, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, Leiden an der Welt, nachlassende Kräfte, sich unverstanden fühlen, grenzenlose Wut, vertane Chancen, begangene Fehler, nicht vorhandene Talente, Heimatlosigkeit und vieles mehr.

Das Evangelium möchte uns dazu anregen, unser Kreuz ehrlich und kritisch wahrzunehmen. Vielleicht ist das, was ich immer als so schwer empfunden habe, heute gar nicht mehr so schwer. Vielleicht ist das, was ich immer ausblende, kleinrede und verdränge mein wirkliches Kreuz. Es kann heilsam sein, für mein Kreuz eigene Worte zu finden, denn es gehört zu meinem Leben und vielleicht sogar zu meiner Persönlichkeit. Insofern ist das Wort vom „Kreuz annehmen“ eine Aufforderung zu absoluter Ehrlichkeit und eine gute Möglichkeit, dem eigenen Leben absolut treu zu bleiben oder zu werden. Mit ihm nehme ich mein Leben mit allen Facetten, Baustellen und Ungereimtheiten an. Das kann anfangs sehr weh tun, kann dann aber auch wichtig und gut sein.

Bei meiner ehrlichen Reflexion kann auch herauskommen, dass ich mir das Kreuz eines anderen aufgeladen habe. Das kann ich dann zurückgeben, denn ich soll ja nur mein Kreuz tragen und nicht das von meinen Mitmenschen wegnehmen.

Das Kreuz ist ein widersprüchliches Zeichen. Es ist ein Folterinstrument und hat Jesus den Tod gebracht. Deshalb ist es auch krank, sich ein schweres Kreuz zu wünschen. Das Kreuz steht aber auch für Jesu Weg, der ihn zur Auferstehung geführt hat. Jesus hat die Widersprüchlichkeit des Lebens, Leid und Nichtverstehen erlebt. Als Symbol sagt es uns Christen: In allen Schwierigkeiten, Sackgassen und tiefen Tälern seid ihr nicht allein, sondern Jesus, der Ähnliches erlebt hat, steht an Eurer Seite.

Das Kreuz hat vier offene Enden, oben und unten, rechts und links. Wenn wir ein Kreuzzeichen machen, dann verbinden sich die Horizontale und die Vertikale in uns, also unsere weite Welt rechts und links von uns, aber auch unsere Tiefen und Höhen, der Himmel und die Erde. Unsere Existenz spielt sich überall, in all diesen Bereichen, ab. Aber auch Christus ist überall, um uns auf unserem Weg zu unserer Fülle, Weite und Tiefe zu begleiten und zu ermutigen.

                                                                                                                                  Thomas Hoffmann