Wort zum Sonntag, Ausgabe 23

                                                             23. August  2020  –  21. Sonntag im Jahreskreis

Corona nervt! Das musste einmal gesagt werden. Einschränkungen, Vorsichtsmaßnahmen, Verbote, nicht verstehbare Nachrichtenlage, Widersprüche, Ungewissheit, Planungsunsicherheit – Corona wirbelt alles durcheinander. Uns wird die Gefährlichkeit dieser Krankheit noch lange begleiten. Das alles ist eine ziemlich heftige Herausforderung.

Wie gern würde ich einmal wieder alten Bekannten auf die Schulter klopfen, auf dem Wochenmarkt auf die Maske verzichten und in den Nachrichten etwas anderes hören als neue Infektionszahlen.

Obwohl wir in unserem Aktionsradius eingeschränkt sind, Fahrtzeit durch Home-Office sparen, zum Aufräumen kommen, gespartes Urlaubsgeld für Neuanschaffungen investieren können …, so recht kann sich niemand mit diesen Zeiten anfreunden und in ihnen Gutes entdecken. Es ist und bleibt eine schwierige Zeit, die sich niemand gewünscht hat und die uns oft an unsere Grenzen führt.

Gute Wünsche für die aktuelle Zeit könnten sein: Bleib gesund, verliere nicht die Nerven und die Geduld, gefährde nicht aus Unvorsichtigkeit andere Menschen, entdecke auch jetzt Wertvolles und die Perlen des Alltages, habe Mut, sei trotzdem dankbar. Allerdings lassen sich diese Haltungen nicht herbeizaubern. Es gibt auch keinen Schalter, den ich umlegen kann und dann wird alles gut. So müssen wir dann wohl noch weiter in dieser Zwischenzeit leben, die sich heute noch gar nicht einordnen und bewerten lässt. Erst viel später, vielleicht in einigen Jahren, können wir zu einer Beurteilung des Jahres 2020 kommen. Was kann ich jetzt tun, damit ich später stolz auf mich oder wenigstens zufrieden bin? Was kann ich heute machen, damit ich mich in der Nachbetrachtung dieses Ausnahmezustandes noch weiter im Spiegel anschauen kann?

Die meisten biblischen Geschichten sind Weggeschichten. So ist es bei Abraham, Jakob, Moses, den Propheten und den Jüngern Jesu, um nur einige zu nennen. Das Entscheidende geschieht auf dem Weg. In diesen Geschichten sind Menschen in der Welt unterwegs und dabei passiert ganz viel – Gutes, Schlechtes, Unverständliches, an Grenzen Führendes, Freudiges, Hoffnungsvolles, schwer Aushaltbares … Alle, die unterwegs sind, wissen nicht, ob sie ankommen und wie es ausgeht. Allerdings sind sie mit einer Hoffnung unterwegs, oder einer Verheißung, oder einer Zusage. Sie fühlen sich oft, nicht immer, von Gott geführt und agieren aus dem Bewusstsein heraus, dass ER sie begleitet und hinter ihnen steht. Damit wird ihr Weg nicht zu einer Prachtallee, sondern bleibt dornig, staubig und unvorhersehbar. Gott ist dann so etwas wie der verborgene Reservetank, die Hoffnung auf ein gutes Ende des Unternehmens, das Licht in der Finsternis, das Gegenüber, das ich anschreien, anweinen, anbetteln oder beschimpfen kann.

Dennoch bleibt Gott immer auch ein Geheimnis. Die Lesung aus dem Römerbrief (Röm 13, 33-36) drückt dies wunderbar aus: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege.“ Von der Tiefe, Weite und Weisheit Gottes umfangen zu sein verändert keine aktuelle Notlage, kann aber das Gefühl der Geborgenheit, des Gehaltenseins, verstärken.

Corona wird weiter nerven! Trotzdem, oder gerade deshalb möchte ich Ihnen sagen, dass Gott in diesem ganzen Schlamassel bei uns ist. Dies zu glauben kann positive Auswirkungen auf unser derzeitiges Verhalten haben, damit wir einmal später ganz ehrlich sagen können: „Ich habe diese Zeit überstanden. Ich habe in ihr meinen Stil, meine Geduld, meine Gerechtigkeit, meine Fairness und meine Selbst- und Nächstenliebe nicht verloren.“ Ich finde, das sind großartige Ziele, gerade heute, gerade jetzt.

                                                                                                                      Thomas Hoffmann, Pfarrer