Wort zum Sonntag, Ausgabe 15

Liebe Gemeinde, “Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.” Wer diese Worte Jesu liest, könnte ihn als Egoisten bezeichnen. Es scheint, als würde Jesus sehr daran liegen, von uns geliebt und verehrt zu werden. Es zählt für ihn weder Vater, Mutter noch Sohn oder Tochter. Eine solche Interpretation würde jedoch von einem fälschlichen Verständnis des Evangeliums zeugen. Jesus ruft uns dazu auf ihn zu lieben, allerdings nicht um seinetwillen, sondern weil er sich um unser Wohl sorgt. Er möchte uns warnen und vor einem falschen Liebesverständnis bewahren. Zu gut kennt er das Unglück, welches sich in der Liebe von vergänglichen Werten verbirgt.

Jesus liegt sehr viel daran, dass die Kinder ihre Eltern lieben und umgekehrt genauso. Diese Liebe ist das Fundament einer glücklichen Familie. Voraussetzung für die Liebe ist das Ausfüllen des eigenen Herzen mit der Liebe Gottes. Die Aussage Jesu sollte nicht als Aufruf zur Resignation der Liebe seiner Nächsten gewertet werden. Vielmehr geht es um eine Reflexion der eigenen Prioritäten. Steht Jesus für mich immer an erster Stelle?

Wie oft kann man Tragödien in der heutigen Gesellschaft beobachten, wenn die Worte Jesu missachtet werden. So liebt beispielsweise ein dreißigjähriger Sohn seine Mutter mehr als seine eigene Ehefrau, mit der er den Bund der Ehe eingegangen ist. Er ist gefangen in der Beziehung zu seiner Mutter. In einer solchen Situation kann er weder seine Frau noch seine Kinder aufrichtig lieben und macht damit nicht nur seine Familie sondern auch sich selbst unglücklich.

Das Wissen um die grundlegende Ordnung der Liebe ist ein Ausdruck von Reife und Weisheit. Die Ignoranz oder Missachtung dieser Hierarchie führt immer zu Unglück. Ein Mensch, der sein Leben nicht an die Liebe Jesu anlehnt, ist vergleichbar mit einem Gestrandeten, der auf driftenden Eisschollen treibt, während diese in immer kleinere Stücke brechen und schmelzen. Während der Mensch auf der Suche nach festem Boden unter den Füßen von einem Stück Eis zum anderen springt, wird ihm im Laufe des Lebens immer klarer, wie sinnlos eine solche Suche ist.

Jesus selbst konnte jeden von uns nur deshalb voll und ganz “bis zum Schluss” lieben, weil er niemandem mehr als Gott, seinen Vater, verehrte. Nur diese Liebe befähigte ihn dazu, jeden einzelnen Menschen auf eine vollkommende Art zu lieben. In Anlehnung an seine eigenen Erfahrungen zeigt uns Jesus die richtige Stellung der Liebe im Leben auf. Wenn er ruft: “Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.” denkt er dabei nicht an sich, sondern an unser Wohl und das unserer Nächsten. Mit unserer Liebe zu Jesus bereichern wir nicht ihn, sondern er uns. Christus würdig ist jemand, der aufrichtig lieben will und in dieser Liebe Gott und seinen Nächsten begegnen will. Nur jemand der Gott liebt, kann Mutter, Vater, Tochter, Sohn, Ehemann, Ehefrau und sich selbst bereichern.

Wenn Gott an erster Stelle steht, dann steht alles andere an der richitgen Stelle. (hl. Augustinus)

(Text: Pastor Oleksandr Lavrentiev)