Wort zum Pfingst-Sonntag, Ausgabe 11

Wort zum Sonntag 11                                                                                           31. Mai 2020, Pfingsten

„Alles bleibt anders“ – dieser Satz steht ganz groß am Pfarrheim von St. Altfrid in Gifhorn. Jeder, der dort vorbeigeht oder fährt, sieht die 3 Wörter. Ich selbst habe erst einmal gestutzt, weil die Wortzusammenstellung sehr auffällig ist. Ich kenne natürlich den Satz „Alles wird anders“ oder den Satz „Alles bleibt, wie es war“, aber „alles bleibt anders“ klingt ungewohnt und holperig.

Tatsächlich hat sich in den letzten Wochen vieles verändert. Freizeitaktivitäten, Arbeitsabläufe, Geburtstagsfeiern, Hochzeiten, Urlaubsplanungen und vieles mehr wurden von Corona gehörig durcheinandergewirbelt.

Vieles ist aber auch gleich geblieben. Die Zuneigung zu uns nahestehenden Menschen, liebgewordene Hobbys, mein Bild morgens im Spiegel.

Einige haben in den letzten Wochen auch Neues gelernt. „Telefonkonferenzen sind ja wirklich eine einfache Sache und eine große Hilfe“ habe ich ab und zu einmal gehört. Die Medienkompetenz ist bei manchen gewachsen und die Fähigkeit, neu über Gesundheitszusammenhänge nachzudenken. Neue Urlaubsideen sind entstanden und es gibt sogar Zeitgenossen, die sich jetzt für einen Schrebergarten interessieren, obwohl sie dies noch vor 4 Monaten als spießig abgetan haben. Sogar ein Jahr ohne eine sündhaft teure Kreuzfahrt kann ein lebenswertes Jahr sein und alte Kochkünste wurden reaktiviert.

Es wurde nicht nur manches neu gelernt, sondern auch verlernt. Ständig auf Achse zu sein, den Tag von morgens bis abends durchzutakten, mit dem Auto überall hin zu fahren z.B., um nur einiges zu nennen.

„Alles bleibt anders“ könnte ein Motto dieser Coronazeit sein. So vieles ändert sich und ich bin durch Umstellungen und neue Aufgaben ziemlich herausgefordert. Ich selbst aber bleibe. Ich selbst aber bleibe, mit meinem Inneren, mit meiner Seele, mit meinem Herzen. Der Kern meiner Persönlichkeit verändert sich nicht durch Corona, aber ich kann Seiten an mir entdecken, die gerade jetzt besonders hervortreten. Sei es Ungeduld oder Geduld, Gelassenheit, Gereiztheit, Depressivität, Aggressivität, Fatalismus, Angst, Hoffnung, Glaube, Angewiesen sein auf andere Menschen oder Sorge um andere oder die ganze Welt. Ich bleibe der Alte, der immer wieder Neues an sich entdeckt. Das ist das Paradoxe, das Anstrengende, aber auch das Schöne am Leben.

So verlief auch Gottes Geschichte mit seinen Menschen. Gott ist immer der Eine, der Ewige, der Treue. Aber er zeigt sich in der Bibel in unterschiedlichen geschichtlichen Situationen mit vielfältigen Aspekten seines Wesens. Heute, zu Pfingsten, offenbart er sich als der stürmische Heilige Geist, der Menschen in Erstaunen versetzt. Er macht es möglich, dass sich Menschen vieler unterschiedlicher Sprachen verständigen können, obwohl jeder seine eigene Sprache spricht. Er ergreift die Herzen der Menschen und schenkt ihnen Kraft, von nun an mutig und entschieden zu leben, eine Ausrichtung zu haben und zu ihm zu stehen. Alle, die dabei sind, bleiben die Gleichen und werden doch andere.

Sich verwandeln und sich dennoch treu zu bleiben – das ist für mich die Zusammenfassung der christlichen Lebenskunst. Zu Pfingsten wünsche ich ihnen den Hl. Geist, der sie dazu befähigt.

                                                                                                                                              Thomas Hoffmann