Wort zum Sonntag, Ausgabe 10

Liebe Gemeinden!

Nicht mehr und noch nicht – so lässt sich die Situation der Jünger und Jüngerinnen nach der Himmelfahrt Christi beschreiben. Der auferstandene Christus ist seit Donnerstag nicht mehr bei ihnen und der versprochene Beistand, der Hl. Geist, kommt erst am nächsten Wochenende, zu Pfingsten.

Die Apostelgeschichte berichtet uns, dass sich alle zurückziehen und einmütig im Gebet verharren. Bemerkenswert ist weiterhin, dass in dieser Zeit die Nachwahl eines Apostels fällt, denn Judas Iskariot gehört bekanntermaßen nicht mehr zum Apostelkreis und Matthias rückt für ihn nach. So ist der Rückzug das eine und die Erneuerung zerbrochener Strukturen das andere, was wir von der allerersten Jüngergemeinde über ihre Gestaltung der 10 Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten wissen.

Was machen Sie, wenn etwas Vertrautes nicht mehr ist und das Neue noch nicht da ist? Machen sie sich und andere nervös, wuseln sie durch die Gegend, putzen sie die ganze Wohnung, basteln sie ein Vogelhäuschen nach dem anderen, bestellen sie wie wild im Internet oder werden sie ganz still und ruhig und harren der Dinge.

So ein Zwischenzustand ist nicht so leicht über längere Zeit zu ertragen. Viele Menschen wünschen sich dann Eindeutigkeit und Klarheit, hopp oder top, A oder B, Sekt oder Selters. „Jetzt muss mal eine Entscheidung her, ich will wissen, woran ich bin!“

Trotzdem! Manchmal kommen wir um diesen Zwischenzustand einfach nicht herum. Etwas ist tatsächlich vergangen oder passt nicht mehr und das Neue ist noch nicht da. Mein alter Verein, in dem ich mich viele Jahre engagiert und wohlgefühlt habe und so schöne Erlebnisse hatte, hat sich von mir entfernt oder ich bin nicht mehr mit dem Herzen dabei. In meiner alten Wohnung sitze ich auf gepackten Kartons, aber die neue Wohnung wird einfach nicht bezugsfertig. Meine alte Liebe ist erloschen und die neu momentan nur eine undefinierbare Sehnsucht. Von meinem alten Job habe ich mich schon innerlich verabschiedet, den neuen fange ich erst in einem halben Jahr an.

Und auch aktuell hängen wir irgendwo zwischen den Zeiten. So wie vor Corona wird es nicht mehr werden, wie es aber in einem Jahr genau sein wird, weiß heute noch niemand.

Nicht mehr und noch nicht – niemand will das, fast alle kennen es. Vermeiden lässt es sich so gut wie nie.

Nicht mehr und noch nicht ist ein Zustand, eine Situation, ein Zeitraum, der zum Leben gehört. In Zwischenräumen zu leben ist auch ein Leben. Manchmal ist etwas noch nicht dran, manchmal braucht etwas noch Zeit, manchmal muss etwas noch reifen. Nicht alles ist mit Willen, Disziplin und Professionalität machbar. Der Golf 8 kommt auch nicht so richtig auf die Straße.

Von den ersten Christen, die ja so einen Zwischenzustand gestaltet haben, lässt sich sicher etwas abschauen. Die Apostelgeschichte berichtet uns, dass sie als Gemeinschaft zusammen waren und einmütig beteten. Sie haben also ihre Hoffnung gestärkt und gerade jetzt bewusst zusammengehalten. Mit der Nachwahl des Apostels Matthias haben sie alte Krisenzustände kreativ neu gestaltet und bereits heute strukturelle Weichen für später gestellt.

An den ersten Christen lässt sich erkennen: Das Warten ist keine unnütze Zeitverschwendung, sondern der Vorzustand einer guten, hoffnungsvollen und zukunftsfähigen Entwicklung. Eine Zeit, in der sich Kräfte wieder sammeln können.

Und dann, in 7 Tagen, zu Pfingsten, da geht es richtig los. Die ersten Christen werden mutig, sie trauen sich wieder heraus, sie bewegen etwas, sie begeistern viele Menschen, sie haben den Spirit, den Hl. Geist. Diesen Hl. Geist wünsche ich uns allen.

Thomas Hoffmann