Osterpredigt 2021

                                                                             Evangelium: Markus 16, 1 – 7

Wo ist Galiläa? Geographisch ist diese Frage ganz einfach zu beantworten. Im Norden von Israel/Palästina. „Dort werdet ihr den auferstandenen Jesus sehen“, wird den Frauen im Evangelium gesagt. Jesus ist nicht hier. Er ist euch vorausgegangen. Er wartet im 120 km von Jerusalem entfernten Galiläa auf seine Freunde.

Galiläa war ein starker Ort für die Jesusbewegung. Hier hat Jesus begonnen, Jünger um sich zu versammeln, zu predigen, zu heilen, böse Geister auszutreiben, mit Gegnern zu streiten und Wunder zu vollbringen. All dies sind so etwas wie Kapitelüberschriften im Leben Jesu. Sein ganzes Leben trägt die große Überschrift: „Das Reich Gottes ist nahe.“ Das Reich Gottes ist das Programm Jesu.

In Galiläa lagen die Menschen Jesus zu Füßen und sie klebten an seinen Lippen.  Hier war Jesu große Zeit. Hier war er stark. Hier hat er sehr viel bewegt. Häufig wird deshalb vom „Galiläischen Frühling“ gesprochen. So ist Galiläa zu einem Sehnsuchtsort, zu einem Kraftort geworden.

Das Gegenteil davon ist Jerusalem. Dort wurde Jesus verhaftet, verurteilt, gequält und am Kreuz getötet. Dort ist es aber auch auferstanden.

In unserer Auferstehungsgeschichte nach Markus spielt ein großer Stein eine sehr wichtige Rolle. Er verschließt das Grab, in welches Jesus gelegt wurde. Er macht es dicht. Der Stein ist groß, schwer, massig, grau und unbeweglich. Er besiegelt den Tod.

Drei mutige und liebende Frauen gehen in aller Frühe zum Grab. Sie möchten noch etwas für Jesus tun. Sie hoffen auf Hilfe. Ist da jemand, der den großen Stein für sie wegwälzen könnte?

Am Grab erleben sie eine große Überraschung. Der Stein ist bereits weggewälzt und das Grab ist leer. Jesus ist nicht mehr da.

In der Christophoruskirche liegen in unserer Trauer- und Hoffnungskapelle 24 Steine unter dem großen Kreuz. 24 von weltweit 2,83 Millionen. Auf jedem der 24 Steine steht ein Name. Der Name gehört zu einem Menschen, der an Covid 19 verstorben ist. Es sind Namen von Geschwistern, Freunden, Nachbarn, Bekannten und Weggefährten. 24 Steine, die dort liegen. 24 Namen von Menschen, die geliebt wurden und vermisst werden. Heute, am Osterfest, liegen sie noch immer da, obwohl Jesu großer Stein zum rollenden Stein geworden ist. Liegen sie heute anders da als noch am Karfreitag?

Hat Jesu großer rollender Stein eine Lawine ausgelöst? Eine große Hoffnungswelle? Die einen sagen „Nein“, die anderen sagen „Ja“.

Die Neinsager*innen pochen darauf, dass es noch immer Leid, Ungerechtigkeit und Tod in unserer Welt gibt. „Es hat sich durch Jesu Tod nichts verändert“, sagen sie.

Die Jasager*innen sind davon überzeugt, dass durch Jesu Auferstehung der Tod seine unbändige und zerstörerische Kraft verloren hat. Sie sind voller Hoffnung, dass Jesus uns vorausgegangen ist, als erster von uns, damit wir ihm folgen, nach Galiläa und ins Leben.

Die einen sind die Karfreitagsmenschen. Die anderen sind die Ostermenschen. Und es ist gar nicht so einfach, die Gruppe zu wechseln, sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung. Jedenfalls ist es oft keine willentliche Entscheidung, in welche Gruppe ich gehöre, sondern hat mit Erlebtem, Erlittenen, Verlusten, Vertrauen und Schicksalsschlägen zu tun.

Wo bitte geht`s nach Galiläa? Wie werde ich nun ein Ostermensch? Wir feiern Ostern, damit ich einer werde oder wieder neu einer werde. Das ist der Sinn und das Ziel dieses wichtigsten Festes der Christenheit. Wie aber kann das möglich werden? Wo ist mein Galiläa? Wo wartet der auferstandene Christus auf mich?

Diese Fragen möchte ich verbinden mit dem Gedanken, dass Steine in unserem Innern, in unseren Beziehungen, bei unseren Grundentscheidungen, bei dem Umgang mit unserer eigenen Vergangenheit, bei unserem Umgang mit uns selbst und in Bezug auf unsere Lebensziele ins Rollen kommen können. Was ist in unserem Leben starr, tot, bewegungslos, eingekerkert? Das sind Auferstehungsfragen, weil sie zur Lebendigkeit und zur Hoffnung führen können. Sie anzuschauen und möglicherweise sogar anzugehen ist so, wie sich auf den Weg nach Galiläa zu machen, auf den Weg zum Auferstandenen, auf den Osterweg.

Unterwegs brauche ich einige Powerriegel, damit ich nicht mut- und kraftlos werde. Das sind die kleinen Auferstehungen, die täglich passieren können – ein gutes Wort, ein Hilfsangebot, ein Gedankenblitz zur Lösung eines Problems, etwas, was ich gut gemacht habe, ein Zuwachs an Kraft in einer Schwächephase, ein Lob und vieles mehr. Da blitzt immer etwas von Auferstehung durch. „Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung“, so besingt dies ein modernes Kirchenlied.

Der große Stein vor Jesu Grab kam ins Rollen, damit die Steine vor den Gräbern unseres Lebens auch ins Rollen kommen und wir viele kleine Auferstehungen erleben in unserem Alltag, einige mittelgroße Auferstehungen im Laufe unseres Lebens und die ganz große Auferstehung zu einem Leben bei Gott nach unserem Tod. Im Osterlicht lässt sich auch die Frage beantworten, ob unsere 24 Steine aus unserer Kapelle heute anders daliegen als noch am Karfreitag. Mitgerissen vom rollenden Stein vor Jesu Grab sind sie ins Licht des Auferstehungsglaubens gerollt.

                                                                                                                                              Thomas Hoffmann

Osterpredigt

1 Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Mágdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Sálome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben.

2 Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.

3 Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?

4 Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.

5 Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißenGewand bekleidet war; da erschraken sie sehr.

6 Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wohin man ihn gelegt hat.

7 Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dortwerdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.