Wort zum Sonntag

3. Sonntag im Jahreskreis C 2022                 

Am 15. Dezember 2021 war es soweit. Der neue Bundeskanzler hat seine erste Regierungserklärung abgegeben. Nach Wahlen ist es ein wichtiger Brauch in demokratischen Ländern, dass die Regierungschefs dem Parlament darlegen, was sie und ihre Ministerriege in den nächsten Jahren erreichen möchten. Sie benennen ihre Vorhaben und Ziele und setzen sich den Debatten der Parteien aus. Regierungserklärungen gibt es, verteilt über die Legislaturperiode, einige. Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen, außenpolitische Ereignisse und große Konferenzen der wichtigsten Staaten machen sie nötig. Der ersten Regierungserklärung nach den Wahlen kommt jedoch eine besondere Bedeutung zu, weil in ihr Leitlinien und Grundgedanken der neuen Regierung beschrieben werden. Die Opposition versucht die Vorhaben der neuen Regierung als schwach oder unsozial hinzustellen, als zu konservativ oder zu progressiv, die Presse sucht in Ihnen das Neue und das Weiterführende, das Langweilige und Phantasielose.

Aber auch in anderen Lebensbereichen kommt so etwas Ähnliches wie eine Regierungserklärung vor. Der Chef gibt manchmal eine ab, auch wenn sie nicht so heißt. Mancher Vereinsvorstand liebt sie besonders und zieht damit die Jahreshauptversammlung in die Länge. In Familien kommen sie vor und unter Freunden. Sogar Einzelmenschen geben manchmal eine Art Regierungserklärung ab,  wenn sie am Neujahrstag laut vor allen oder leise für sich erklären, dass sie in den nächsten 12 Monaten weniger essen und trinken wollen, sich im Straßenverkehr nicht mehr so aufregen werden, ihr Sportprogramm ab heute konsequent durchziehen und die Arbeit ganz bestimmt nicht mehr überbewerten.

Im heutigen Evangelium gibt Jesus seine erste Regierungserklärung ab. Am letzten Sonntag war der Evangelist Johannes unser Begleiter und wir haben gehört, dass er Jesu öffentliches Wirken bei der Hochzeit zu Kana mit den 600 Litern Wein beginnen lässt. Unser Evangelist von heute, Lukas, setzt andere Schwerpunkte und berichtet von Jesu ersten öffentlichen Worte als erwachsener Mann. Davor ist nur seine Taufe, wo er nichts sagt und die Versuchung in der Wüste, die nicht vor Menschen stattfindet.

Unser heutiges Evangelium ist von höchster Bedeutung für das Verständnis des Lukasevangeliums. Eigentlich ist es der Schlüssel dazu. Jesus liest in der Synagoge von Nazareth aus dem Propheten Jesaja vor, einer alten Weissagung, die mit enormen Hoffnungen und tiefen Wünschen verbunden ist. Am Ende seines Vorlesens sagt er einen starken Satz: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Das ist Selbstbewusstsein oder Klarheit oder Wagemut. Damals haben aber auch viele dazu gesagt: „Der spinnt!“

Hören wir noch einmal diese beeindruckenden Worte:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“

Das ist die Regierungserklärung Jesu. So versteht er sich. Das ist sein Selbstverständnis. Das ist sein Auftrag. Seine Sendung. Er ist gekommen, damit all dies Wirklichkeit wird. Er ist sich sogar sicher, dass es schon begonnen hat. Er sagt „heute hat sich erfüllt“, weil in seiner Gegenwart Menschen Freiheit empfinden, neu sehen können, sich geachtet wissen und gute Nachrichten empfangen und aufnehmen. Vielen ist es in seiner Nähe schon so gegangen. Möglicherweise hat er ihnen ja auch schon einmal die Augen geöffnet. Möglicherweise empfinden sie, wenn sie an ihn denken, ein Zuwachs an Freiheit, Kraft und Mut. Sie spüren, im Hören seiner Worte wird ihnen der Rücken gestärkt.

Und Sie? Haben sie auch eine Regierungserklärung für sich und für andere, die über ihre Neujahrsgedanken hinausgeht? Für was stehen sie, was sind ihre Ideale und Überzeugungen, wofür kämpfen sie, wofür oder für wen leben sie? Oft verlieren sich im Laufe des Lebens alte und große Überzeugungen, weil so viel zu tun ist und uns die Kompromisse des Lebens abschleifen wie die Nordsee einen Kieselstein.

Trotzdem: Was ist ihnen wirklich wichtig? Welche Ideale sind untrennbar mit Ihrem Leben verbunden? Was zeichnet sie aus?

Das Wiederfinden von alten Idealen und Überzeugungen tut oft gut, weil es mit einem Kraftzuwachs verbunden ist und Ballast wegräumt.  Es kann zu meinem Kern führen, mich mit dem in Verbindung bringen, was ich vom Leben eigentlich will. Gleiches gilt selbstverständlich auch für das Finden von neuen Idealen und Überzeugungen.

Das Evangelium von heute lädt uns ein, unsere Vorstellungen mit denen von Jesus zu vergleichen und uns von seinen beeindrucken und infizieren zu lassen. Vielleicht ist es mal wieder höchste Zeit, an der eigenen Regierungserklärung zu arbeiten.

                                                                                                                                                                  Thomas Hoffmann